Zwischen Eindeutigkeit und Offenheit:

Zur Wirklichkeit von Carolin Israels Bildern


Carolin Israels Bilder bilden eine Art Bühne für ihr kleines Welttheater. Schichtenweise schieben sich große Farbflächen vom Bildgrund nach vorne, eine jede für sich raumhaltig und gleichzeitig mit den anderen kommunizierend. Manchmal von kalter, manchmal von warmer Tonalität, von kompakt-geschlossener oder transparenter Körperlichkeit, markieren sie unterschiedliche Wirklichkeitsempfindungen, Gefühlsräume, Seinszustände. Obwohl geschichtet und damit in Reihenfolge, sind diese Flächenräume ineinander verzahnt, miteinander verstrickt, bilden ein nicht auseinanderzudividierendes Amalgam, das in einen großen gemeinsamen Farbakkord mündet. Dieser immer in Dur, nie in Moll, strahlend. Und immer bleibt – in irgendeiner Weise – ein kleiner, selten auch größerer Durchblick auf die Unendlichkeit des Bildgrundes, aus dem alles entsprang.


 

Der farbliche Grundakkord der Bilder bleibt abstrakt. Entstanden aus der Interaktion von Farben bzw. Farbflächen zu einem dynamischen Miteinander in Unterschiedlichkeit ist er ein Widerspiegel unserer pluralistisch gesellschaftlichen Verfasstheit. Als solcher bildet er die Kulisse für weitere, lebhafte Interaktionen kleinteiliger Farb- und Formkonstellationen, die nicht selten vom Bildvordergrund hindurch durch die Klangräume der großformatigen Farbflächen bis hin zum Bildgrund reichen. Es ist dies ein szenisches Geschehen, das seine Inhalte aus den greifbaren und ungreifbaren, den praktischen und virtuellen Realitäten, also persönlichem Erleben und Privatleben einerseits und den medialen Räumen und deren Möglichkeiten andererseits zieht. Schon die gewählten Bildtitel legen diese Vermutung nahe. Und tatsächlich verlässt Carolin Israel hier den Bereich der reinen Abstraktion. Ihre kleinteiligen Farbkonstellationen formen sich zu Bildinhalten, erzielt durch eine Art Kippeffekt der Farben, einem Sowohl-Als-Auch ihrer Eigenwertdemonstration und gleichzeitig dienenden Funktion zu einer andeutend atmosphärischen Gegenstandsbeschreibung. Mit dieser Darstellungsmethode befindet sich die Künstlerin am Ende einer langen Entwicklung, die, getragen von illustren Namen, vom späten Velazquez über die Farbnebel Turners und Farbharmonien Adolf Hölzels bis hin zum abstrakten Expressionismus eines Willem de Kooning reicht. Parallel zu dieser im Kippeffekt enthaltenen Komplexität einer Mehrfachbedeutung und Mehrfachfunktion der Farben streut Carolin Israel in ihre Kompositionen zusätzlich noch realistisch gehaltene Gegenstandsfragmente ein. In ihrer unmittelbar haptischen Eindeutigkeit bilden sie einen Gegenpol zu den in ihrer atmosphärischen Offenheit weitaus weniger eindeutigen Gegenstandswelten der farblichen Interaktionen.


 

So stehen sich am Ende zwei Wirklichkeiten gegen- über: Eine Welt unmittelbarer Erfahr- und Greifbarkeit, daneben eine weitaus weniger eindeutige, auf weitaus abstrakterem Niveau definierte. In ihrer allgemein gehaltenen Präzision bewahrt diese ausdrücklich eine zu spekulativer Phantasie einladende Offenheit. Konkret inhaltliche Assoziationen bleiben dem Betrachter überlassen. Dreimal darf er raten.


Text von Rainer Beck